Schriftpsychologie
Schriftpsychologie ist die Lehre der Wissenschaft von der Handschrift: Das Schreiben wird wie jede Bewegung vom Gehirn gesteuert. Deshalb gilt: Handschrift ist Gehirnschrift.
Das Besondere daran ist, dass diese Bewegung aufgezeichnet wird und deshalb simultan betrachtet und beobachtet werden kann, nicht nur seriell wie etwa der Gang oder die Mimik einer Person im Film. Eine zweite Besonderheit besteht darin, dass es sich hier um die Mikromotorik der Hand handelt und wir sehr spezielle Feinheiten der individuellen Bewegung zu Gesicht bekommen und studieren können.
Neue Untersuchungen belegen, dass jede Handschrift absolut individuell ist, und dass es klare Zusammenhänge gibt zwischen Handschriftmerkmalen und Persönlichkeitszügen. Neue neuropsychologische Forschungen erlauben eine vielversprechende Neubewertung der von Schriftpsychologen verwendeten Modelle.
Graphologische Analysen
Im graphologischen Gutachten, der graphologischen Handschriftanalyse, kommen die schriftpsychologischen Theorien zur praktischen Anwendung. Diese erlauben, die dynamische und funktionale Struktur einer Persönlichkeit zuverlässig und genau zu beschreiben.
Das konkrete, situationsbezogene Verhalten lässt sich weniger beschreiben, sondern vielmehr die Verhaltensdispositionen, die zu bestimmten Mustern führen können. Somit greift die graphologische Analyse tiefer als praktisch alle gängigen Tests und überzeugt durch ein grösseres Erklärungspotential.
So lassen sich gerade die meisten der für Führungskräfte wichtigen Persönlichkeitszüge festhalten, wie etwa:
Intellektuelle Kompetenz: Art des Denkens, der Problemlösung, der geistigen Beweglichkeit, der Realitätsbezogenheit, des allgemeinen Weitblicks und Überblicks etc.
Handlungskompetenz: Art der Arbeits- und Vorgehensweise, Speditivität, Zielorientierheit, Ausmass von Dynamik, Flexibilität, Genauigkeit, quantitative Belastbarkeit etc.
Persönliche Kompetenz: Einfühlungsvermögen, emotionale Offenheit, Motivation, Verantwortungsbewusstsein, Distanz zu sich und anderen, innere Unabhängigkeit, Entscheidungsvermögen, Stresstoleranz und qualitative Belastbarkeit etc.
Soziale Kompetenz: Anpassungsfähigkeit, Teamorientierung, Kommunikationsvermögen, allgemeine Umgangsart, Konfliktfähigkeit etc.
Führungskompetenz: Autonomie, strategisches Denken, allgemeine Belastbarkeit, Durchsetzungsvermögen, Verhandlungsgeschick, Frustrationstoleranz etc.
Allgemeines Potential: Wo kann noch vermehrt Potential aktiviert werden und auf welche Weise?
Spezielle Psychodynamik: Allgemeine funktionale Struktur der Persönlichkeit. Besondere Schwierigkeiten aufgrund innerpsychischer Konstellationen und Möglichkeiten zu deren Bewältigung.
Gerade in letzten Punkten liegt ein ganz besonderes Potential der Graphologie: Durch eine sorgfältige Diagnostik kann ein Teil der innerpsychischen Dynamik bewusst gemacht werden. Dies kann zur Standortbestimmung in eher beruflichen Belangen nützlich sein, in persönlichen Angelegenheiten aber auch als erste Stufe eines Prozesses betrachtet werden. Häufig wird dadurch ein wichtiger Anstoss in der persönlichen Entwicklung gegeben: Die Befunde können im nachfolgenden Gespräch in einer angemessenen und verständlichen Form übermittelt und in einem Gutachten niedergeschrieben werden.
Was die graphologische Analyse nicht kann
Aus der individuellen Handschrift können keine direkten Schlüsse gezogen werden zu folgenden Bereichen:
Spezielle Fähigkeiten und besondere berufliche oder persönliche Neigungen; Geschlecht, Alter, Schulbildung; sexuelle Präferenzen; konkrete Probleme, konkrete Verhaltensweisen in bestimmten Situationen; körperliche oder psychische Krankheiten.
Persönlichkeitsdiagramm
Aufgrund der Handschriftanalyse kann ein sehr differenziertes Persönlichkeitsprofil erstellt werden. Vor allem können fast alle wichtigen Führungseigenschaften rasch und genau beschrieben und auch visuell dargestellt werden.
Im Diagramm kommt eine Skala von 1 bis 5 zur Anwendung, wobei zu beachten ist, dass für eine Führungskraft eine klare Ausprägung all dieser Dimensionen erwünscht ist, das heisst eine Stufung von 4 bis 5. Die mittlere Stufe 3 wird bereits als ungenügend betrachtet: Diesem Umstand trägt die Darstellung auf dem Kreisdiagramm optisch Rechnung.
Durch die unterschiedliche Einfärbung der vier Kompetenzbereiche können auf den ersten Blick bereits wichtige Tendenzen festgestellt werden:
- Handelt es sich um ein ausgeglichenes Profil?
- Welcher Sektor nimmt auffallend viel/auffallend wenig Raum ein?
- Wo liegen die grössten „Einbrüche“ und also die Problembereiche?
Differenzierten Aufschluss über die funktionale und innerpsychische Struktur der Persönlichkeit gibt das ausformulierte Gutachten.

Schriftexpertisen
Eine Schriftexpertise kommt zum Zug beim Verdacht auf eine Fälschung. Handschriften- und Unterschriften-Vergleiche müssen immer sehr sorgfältig und genau durchgeführt und dokumentiert werden, da es fast immer um Fälle am Gericht oder jedenfalls im vorgerichtlichen Feld geht. Die Befunde müssen klar und nachvollziehbar formuliert und aufgezeichnet werden.
Die vergleichende Untersuchung erfolgt mit rein graphologischen Methoden der Merkmalsvergleichung; abgesehen von Vergrösserungen werden keine technischen (physikalischen oder chemischen) Untersuchungen durchgeführt.
Signaturenprüfung bei Kunstwerken
Es tauchen immer wieder Kunstwerke wie Zeichnungen oder Gemälde von bekannten Künstlern auf, die aber nicht in den Katalogen figurieren, die auch nie oder nur selten ausgestellt wurden und wo die Referenzenliste nicht vollständig ist. Da stellt sich dann die Frage: Ist dieses Bild auch echt?
Diese Situation erfordert umfangreiche Recherchen wie historische, kunsthistorische und Materialanalysen, Multispektralanalyse etc. Eine wichtiges Element und Puzzleteil innerhalb dieses ganzen Prozesses kann ein wissenschaftlicher Signaturenvergleich darstellen.
Forschung
Die neuere schriftpsychologische Forschung hat viele interessante Resultate erbracht. Beispielsweise wurden bei Vergleichen zwischen Gruppen-Assessments und Handschriftanalysen sehr hohe Übereinstimmungen erzielt, ebenso zwischen den Faktoren einzelner Tests wie dem 16PF und der Handschrift. Die Belastbarkeit von Piloten konnte von Graphologen gut eingeschätzt werden.
Eine Arbeit in der Grundlagenforschung mit einem elektronischen Schreibtablett hat etwa gezeigt, dass gut ausgebildete Graphologen
- untereinander sehr übereinstimmend einschätzen
- objektiv gemessene Variablen mit blossem Auge richtig einschätzen
- Übereinstimmungen erzielen mit den Resultaten von anderen Tests
Publikationen Marie Anne Nauer
Datenschutz
Gemäss den Richtlinien der Schweizerischen Graphologischen Gesellschaft SGG/SSG gilt:
- Die SGG/SSG-Graphologen befolgen die Richtlinien des Datenschutzgesetzes.
- Der Schriftautor muss sein Einverständnis zur Analyse der Handschrift geben.
- Die Abgabe einer Handschriftprobe, einer handschriftlichen Bewerbung oder eines handschriftlichen Briefes bei einer Bewerbung wird als implizites Einverständnis zur graphologischen Beurteilung betrachtet.
- Die schriftliche graphologische Beurteilung gehört dem Auftraggeber, der die Verantwortung für deren Verwendung trägt.
- Die schriftliche graphologische Beurteilung soll vom Schriftautor eingesehen werden können, beim Auftraggeber oder beim Graphologen, je nach Absprache.
- Auf Wunsch muss dem Schriftautor vom Auftraggeber kostenlos eine Kopie der schriftlichen Analyse abgegeben werden.
- Der Name des Graphologen muss in der schriftlichen Analyse aufgeführt sein.
- Die SGG/SSG-Mitglieder sind an die Schweigepflicht gebunden.